Frauen-
und Kinderschutzhaus Diepholz im Fernsehen
Am 13. Mai 2010 um 19.00 Uhr wurde die Aufzeichnung
des Regionalsenders center.tv – Heimatfernsehen für
Bremen und Bremerhaven ausgestrahlt. Das Thema war Frauenhäuser – Qual
oder Wahl für Frauen. Wir wurden eingeladen zusammen
mit einer ehemaligen betroffenen Frau und einer Mitarbeiterin
der psychologischen Beratungsstelle des Notrufes Bremen
uns den Fragen der Moderatorin Anneke ter Veen zum Thema
zu stellen.
Seit Beginn unserer Gewaltschutzarbeit war es immer wichtig Öffentlichkeitsarbeit
zu organisieren, damit von Gewalt betroffene Frauen und deren
persönliches Umfeld sowie die Gesellschaft über
mögliche Unterstützungsmaßnahmen und über
die Arbeit von Frauenhäusern informiert werden. Wir
verstehen uns sozusagen als Impulsgeberin für alle diejenigen,
die mit dem Thema Häusliche Gewalt nicht befasst sind
und sich somit auch nicht zuständig fühlen können.
Eine informierte Öffentlichkeit dagegen kann so befähigt
werden im eigenen Umfeld die richtige Entscheidung, nämlich "sich
einmischen" zu treffen, wenn sie Zeugin oder Zeuge von
häuslicher Gewalt wird.
Das Thema Gewalt gegen Frauen und ihre Kinder kommt
häufig
dann groß in die Medien, wenn es sich um spektakuläre
sogenannte Familiendramen oder Familienstreitigkeiten handelt.
Dabei handelt es sich in der Regel um Straftaten, wie schwere
Körperverletzungen bis hin zu Tötungsdelikten oder
Mord.
Da unserer Einladung kein solcher Pressebericht vorausgegangen
war, freuen wir uns um so mehr, dass vom center TV Bremen-Bremerhafen
das Interesse bestand mit uns, dem Netzwerk gegen häusliche
Gewalt im Landkreis Diepholz, zu sprechen.
Denn eines ist uns klar: Wie das Thema Gewalt in engen sozialen
Beziehungen von Medien dargestellt wird, hängt immer
auch von der persönlichen Einstellung und dem Wissen über
das Thema der jeweiligen verantwortlichen Person des Senders
ab. Hilfreich waren daher die Vorgespräche mit der Moderatorin
Anneke ter Veen und dem Sender, gerade auch mit der Mitarbeiterin
und dem Mitarbeiter während der Dreharbeiten in unserem
Haus für den Vorspann zum Stadtgespräch.
Ganz besonders klasse und mutig war die Teilnahme
der ehemals Betroffenen Martina Neumann, die ihre Geschichte
sehr mutig und deutlich geschildert hat. Vielleicht konnte
sie einige Menschen ermutigen, aktiv gegen häusliche
Gewalt zu werden.
An dieser Stelle bedanken wir uns noch einmal bei Frau Anneke
ter Veen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von center-tv
Bremen-Bremerhaven, dass wir über das Medium Fernsehen
unsere Arbeit und die Funktion eines Schutzhauses berichten
konnten. Es war eine Würdigung unserer Gewaltschutzarbeit
und eine interessante und gute Erfahrung in einem Fernsehstudio über
die langjährige Anti-Gewalt-Arbeit im Landkreis Diepholz
zu sprechen.
Eine interessante und gute Erfahrung gemacht zu
haben, bedeutet natürlich auch, diese Aktion kritisch zu hinterfragen.
Was fehlte an Wortbeiträgen im Stadtgespräch? Welche
Inhalte sind dem Stadtgespräch hinzuzufügen? Eine
Anmerkung möchten wir hier deutlich machen, dass unterschwellig
immer das Gefühl anwesend war, mit einem Intercity durch
das Thema Gewalt gegen Frauen und Ihre Kinder gefahren zu
sein.
Die eigentliche Sendezeit betrug 3 x 12 Minuten und somit
war die Zeit, um angemessen über die betroffenen Frauen
zu sprechen, welche unter die oben genannten Aspekte einzureihen
sind, leider viel zu knapp.
Deshalb konnte vor allem auch nicht besprochen werden, dass
Schutzeinrichtungen, wie auf jeden Fall unser Haus in Diepholz,
es immer anstrebt innovativ zu sein. Wir wollen uns den gesellschaftlichen
Herausforderungen stellen und deshalb sprechen wir auch von
unserem Netzwerk gegen häusliche Gewalt, wobei das Frauenhaus
eines von verschiedenen Hilfsangeboten für von Gewalt
betroffenen Frauen und ihren Kindern ist. Weitere dazu gehörende
Einrichtungen sind die Beratungsstellen für Frauen und
Mädchen mit den Standorten in Syke, Diepholz und Sulingen
und die Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher
Gewalt – kurz BISS genannt.
Des weiteren sollen folgende Aspekte Erwähnung
finden:
Neue Herausforderungen annehmen bedeutet, einen
differenzierten Blick auf die Gewaltverhältnisse der Opfer zu haben.
Die Gewalt in der Partnerschaft oder im sozialen Nahraum
ist nicht immer gleich. Es gilt, die unterschiedlichen Rahmenbedingungen
und Bedeutungen der Gewalt in den Beziehungen zu betrachten,
und gleichzeitig müssen wir uns die Frage stellen, wie
häufig und wie schwer wurde Gewalt ausgeübt.
Wenn wir uns diese Fragen in unserer Arbeit stellen, erfahren
wir von den Opfern unterschiedliche Auswirkungen von Gewalt,
die wiederum ganz unterschiedliche Interventionen brauchen,
um die Gewalt zu stoppen. Das bedeutet, dass Schutz- und
ratsuchende Frauen mit oder ohne Kinder, einen individuellen
Beratungs- oder Hilfebedarf benötigen. Um der Gewalt
im ihrem sozialen Nahraum entgegen treten zu können,
müssen also Maßnahmen getroffen werden, die auf
die ganz persönliche Lebenssituation der Betroffenen
abgestimmt sind.
So ist das Frauenhaus eine Anlaufstelle für diejenigen
Frauen, die räumlichen und verlässlichen Schutz,
Begleitung und Unterstützung zur Planung und Umsetzung
ihrer neuen Lebensperspektiven brauchen. Dafür benötigen
sie einen vorübergehend gesicherten Abstand zum Gewalttäter
und eine angstfreie und anonyme Wohnsituation für ihre
Entscheidungsfindung.
Gewaltbetroffene Frauen, die dieses Angebot in Anspruch
nehmen, sind vorwiegend jüngere Frauen mit Kindern im
betreuungsbedürftigen Alter, die nach Gewalteskalationen
eine schnelle Trennung herbeigeführt haben. Zudem kommen
Frauen in ein Frauenhaus, die in einer langjährigen
gewachsenen Familien- und Partnerschaftsbindung gelebt habe.
Sie wollen eigentlich die Partnerschaft fortführen,
lehnen aber gewalttätige Auseinandersetzungen konsequent
ab.
Betroffene, die bereits in fortgeschrittenen Trennungsprozessen
leben, haben häufig Erfahrungen mit polizeilichen Interventionen
gemacht, nicht zuletzt aufgrund massiver Gewalterfahrungen.
Sie brauchen ganz besonders Schutz, Sicherheit und Anonymität.
Einige der Frauen waren ohnehin bereits in einer schwierigen
Lebenssituation. Damit sind ihre ökonomischen, sowie
psychischen Aspekte gemeint. Diese Frauen verhalten sich
oft sehr ambivalent; sie sind hin und hergerissen zwischen
Partnerschaft und Trennung. Sie kommen häufig ein zweites
Mal in die Schutzeinrichtung. Nun, eine räumliche Trennung
bedeutet auch noch keine emotionale Trennung. Zum Teil massiv
erfahrene Gewalt erschweren und behindern ihren Weg zu neuem
Selbstvertrauen und einem gewaltfreien Leben .
Eine klassische Frage von Außenstehenden an die Mitarbeiterinnen
von Frauenhäusern richtet sich oft nach der Schichtzugehörigkeit
der Betroffenen.
Es ist ein Klischee, dass nur Frauen aus der unteren
Gesellschaftsschicht von Gewalt in der Partnerschaft betroffen
sind. Die langjährige
Erfahrung in unserer Netzwerkarbeit zeigt immer wieder, dass
häusliche Gewalt in allen Schichten der Gesellschaft
stattfindet.
Allerdings ist es so, dass hauptsächlich die Betroffenen
mit wenig familiärem Background, finanziellen Mitteln,
ohne Arbeit und Berufsausbildung, es schwer haben, Perspektiven
eigenständig zu entwickeln und suchen so Zuflucht, Sicherheit
und Unterstützung im Frauenschutzhaus.
Frauen, die auf familiäre Unterstützung zurückgreifen
können, über eigenes Einkommen verfügen und
für sich und ihre Kinder eigenständig eine Perspektive
entwickeln können, benötigen oftmals eher die Beratung
in den Beratungsstellen. Nach einer Trennung gestalten sie
für sich andere Wohnlösungen und nehmen für
sich andere Sicherheitsmaßnahmen wie z. B. eine Schutzanordnung
in Anspruch.
Nur bei besonders hochgradiger Gefährdung der Sicherheit
ist für alle Betroffenen der Gang ins Frauenhaus eine
Entscheidung, die unabhängig von der Schichtzugehörigkeit
getroffen wird. Angst spielt hier bei den betroffenen Frauen
eine große Rolle, die oft nur durch die Sicherheitsmaßnahmen
und die Mitarbeiterinnen unserer Schutzeinrichtung bewältigt
werden kann.
Letztlich geht es aber immer darum, den gewaltbetroffenen
Frauen und ihren Kindern, eine angemessene Hilfestellung
anzubieten. Die Entscheidungsfreiheit der Frauen, ob sie
Hilfe wollen oder nicht und die Wahlmöglichkeit, welche
Hilfe sie annehmen wollen, müssen Grundsätze in
der Beratung sein. Auch die Optionen der Wahlmöglichkeiten,
die Partnerschaft zu beenden oder zu bleiben, aber auch diese
Entscheidung wieder zu verändern, muss ein Recht der
Frauen bleiben und darf nicht zu Stigmatisierung von gewaltbetroffenen
Frauen und ihren Kindern führen.
Wir veröffentlichen Artikel über unsere
Schutzeinrichtung in Diepholz
in Regionalzeitungen und in Broschüren
und stellen uns in Handbüchern, Beratungsführern
und Faltblättern vor. Außerdem arbeiten wir innerhalb
von regionalen und landesweiten Projekten mit anderen Stellen,
wie z.B. Schulen und Institutionen zusammen, wir referieren
in und außer Haus über unsere Arbeit mit den von
Gewalt betroffenen Frauen und ihren Kindern.
Das Thema Gewalt gegen Frauen zeigt immer wieder
einen großen Bedarf an Auseinandersetzung und Information
an, obwohl Frauenhäuser im Hilfenetz etabliert
sind.
Unsere Öffentlichkeitsarbeit soll deutlich machen,
dass gesamtgesellschaftliche Anstrengungen in den unterschiedlichsten
Formen und Bereichen notwendig sind, um aufzuklären.
Wir versuchen, die komplexe Problematik der Gewalt im häuslichen
Bereich aufzudecken und Hilfestellung anzubieten. Wir
verstehen uns als Impulsgeberin für diejenigen, die
nur selten mit diesem Thema konfrontiert werden und sich
deshalb auch nicht angesprochen fühlen.
Gewalt gegen Frauen bezeichnet jede Handlung
geschlechtsbezogener Gewalt, die einer Frau körperlichen,
sexuellen oder seelischen Schaden oder Leid zufügt oder
zufügen
kann.
Auch die Androhung derartiger Handlungen, Nötigungen
und Bevormundungen in der Öffentlichkeit oder im Privatleben
ist eine Form von Gewalt gegen Frauen. Gewalt gegen Frauen
ist nicht, wie viele immer wieder annehmen, das Problem einer
Randgruppe bzw. das Schicksal von Frauen aus total zerrütteten
Familienverhältnissen, sondern betrifft Frauen in allen
gesellschaftlichen Schichten und jeden Alters. Auch der Tätertypus
befindet sich keinesfalls außerhalb der gesellschaftlichen
Normen.
Zum 20-jährigen Bestehen unseres Hauses ist eine Festschrift erschienen, die Sie hier herunter laden können
Auf 32 Seiten erfahren Sie Wissenswertes und interessantes aus unserer täglichen Arbeit. Aus dem Inhalt:
Grußworte (unter anderem von Carol Hagemann-White)